Editorial


Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Kollegin, lieber Kollege,

In der Regel haben alle logopädischen Forschungen einen gewissen Innovationsgrad und das ist auch gut so – schlichte Replikationen von Studien (die auch ihre Berechtigung haben) sind in diesem Fachbereich selten. Trotzdem kann Innovation auch kritisch gesehen werden. 

Haben Sie sich schon einmal Gedanken über «die Axt im Walde» gemacht? Wie eine Redewendung – dank der Innovation – einen derartigen Bedeutungswandel erlebt, kann man nur erstaunlich finden. Wenn sich jemand «wie die Axt im Walde» benimmt, dann beschreibt dies eine Person, die rücksichtslos und rüpelhaft handelt; sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste. Als ich allerdings kürzlich im Wald einen Vollernter bei der Arbeit beobachtet habe, habe ich die Bedeutung der Redewendung plötzlich in Frage gestellt. Auf einmal ist die Axt, verglichen mit Motorsäge, Forstschlepper oder Vollernter, das harmloseste und vorsichtigste Arbeitsinstrument, das dem Wald heutzutage begegnen kann. Gewiss, solche technischen Geräte führen zu grösserer Effizienz durch geringeren Zeitaufwand und Personaleinsparungen – ein Vollernter erledigt in ein paar Tagen die Menge Arbeit, für die ein Waldarbeiter ein halbes Jahr brauchen würde. Aber bleibt nicht auch etwas auf der Strecke?

Zugegeben, dieser Vergleich ist etwas weit hergeholt, ganz so dramatische Auswirkungen haben Neuerungen in der Logopädie nicht. Trotzdem darf man diese auch, bringen sie noch so viele Vorteile, kritisch sehen. Unterschiedliche Meinungen sind essenzieller Bestandteil von Entwicklung, solange die Diskussionen respektvoll betrieben werden:

«Keiner von uns ist im Irrtum. Wir betrachten nur jeder die Realität von verschiedenen Standpunkten aus. Der einzige Fehler ist fast immer, zu glauben, dass der eigene Standpunkt der einzige sei, von dem aus man die Wahrheit sieht. Der Taube wird die Tanzenden immer für Verrückte halten.» (Jorge Bucay).

Das heisst nicht nur, dass man dem anderen seine Sichtweise lässt, sondern auch, dass es Gründe geben kann, die dazu führen, dass jemand seinen Standpunkt gar nicht verlassen kann, selbst wenn er gerne würde. Dieser kontroversen Sichtweise, nicht nur bezogen auf Innovationen, sondern ganz allgemein in verschiedenen Bereichen der Logopädie, werden wir uns bei der diesjährigen SAL-Tagung widmen, die unter der Rubrik «aus der SAL/SHLR» in dieser Ausgabe erstmals angekündigt wird. 

Herzlich
Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin