Editorial


Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, liebe Kollegin, lieber Kollege,

«Ein normaler Mensch ist eine Rarität!» Ob Ulrich Erchenbrecht damit freundlich gesinnt meint, dass jeder Mensch sich durch seine Einzigartigkeit zu einer Seltenheit macht, oder weniger schmeichelhaft meint, es mangele an «normalen» Menschen, weil jeder aus der Reihe tanzen muss, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Im Umkehrschluss kann diese Aussage aber auch bedeuten, dass eine Rarität normal ist. Im Zuge meiner Suche nach Probanden für eine empirische Untersuchung des Fremdsprachenakzentsyndroms hat mich ein Chefarzt einer neurologischen Klinik mit den Worten, «Wir haben hier kein Raritätenkabinett», charmant abgespeist. Offenbar scheinen Raritäten doch rar zu sein. Oder normale Menschen sind rar? Oder man weiss gar nicht, was normal ist und damit auch nicht was rar ist? Aber bevor wir hier zu sehr philosophische Gefilde betreten – eines dürfte klar sein: «Normalität» steht in untrennbarem Zusammenhang mit der Wahrnehmung und diese ist subjektiv. Mit den Worten von Peter Cerwenka ausgedrückt: «Es ist erstaunlich, wie der Filter des Interesses auf die selektive Wahrnehmung von Fakten wirkt». Gerade als Wissenschaftler ist man sehr darauf bedacht, seinen subjektiven Filter abzustellen und anstatt dessen zu objektivieren. Ein gutes Beispiel zur Darlegung der Interferenz zwischen subjektiver und objektiver Wahrnehmung stellt das Fremdsprachenakzentsyndrom dar: Bei diesem Störungsbild liegt die «Abnormität» – die Wahrnehmung eines fremdsprachigen Akzents – nicht zwangsläufig nur an der betroffenen Person, sondern im Wesentlichen auch an deren Umfeld. Wie der erste Fachartikel dieser Ausgabe (Bohnert-Kraus, Domahs & Bose) nämlich zeigt, liegen zwar objektivierbare phonetische Merkmale vor, die den Höreindruck eines fremdsprachigen Akzents zumindest teilweise erklären, andererseits handelt es sich aber auch um eine subjektive hörerseitige Musterzuschreibung, oder, wenn man so will, menschliches «Schubladendenken». Auch der zweite Fachartikel befasst sich mit einem Aspekt der Wahrnehmung. Inka Lutz und Lena Reising behandeln darin den Nutzen von Bewegungsübungen auf die Wahrnehmung und Konzentrationsfähigkeit von hyperaktiven Kindern. Auch hier könnte man fragen, wie sehr die Aktivität gesteigert sein darf, um sich aber noch im Rahmen der Norm zu bewegen. Auch das ist sicherlich nicht zweifelsfrei objektiv zu beurteilen. Im weitesten Sinne geht es auch im dritten Fachartikel von Jürgen Steiner und Ramona Rüegg um Wahrnehmung und die Grenzen der «Normalität». Er befasst sich mit der Einschätzung von ­Dysphagiesymptomen seitens des Personals in Pflegeeinrichtungen. Welche Symptome sind noch als «normal» oder als «normal altersbedingt» einzustufen und welche haben dagegen Krankheitswert und bergen damit ein Risiko für Folgekomplikationen? Anhand einer Schulung der Pflegekräfte sowie zweier Checklisten sollen möglichst objektive Kriterien zur Beurteilung der Patienten geschaffen werden. Diese spannenden Fachartikel und anderen interessanten Inhalte dieser Ausgabe warten darauf, von Ihnen gelesen zu werden. Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit, in der es Ihnen gelingt, Ruhe zu finden und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.

Herzlich

Mirja Bohnert-Kraus, Redaktorin