Editorial

«Der Maßstab, den wir an die Dinge legen, ist das Mass unseres eigenen Geistes.»
(Marie von Ebner-Eschenbach)

 

Der Mensch braucht Massstäbe, Messlatten zur Beurteilung oder Einschätzung von Dingen oder anderen Menschen. Fehlen solche Richtwerte, irren wir im Dunkeln. Und passt jemand nicht auf den gesetzten Massstab, sind wir verunsichert, wissen nicht, was vor sich geht oder verurteilen dies sogar. Der Mensch braucht Massstäbe zur Orientierung und, wie das Zitat sagt, setzt man zunächst einmal seine eigenen Massstäbe und Sichtweisen als Referenzpunkte an. Aber diese können sich auch als völlig ungeeignet entpuppen, wenn man feststellt, dass die gewählte Messmethode überhaupt nicht auf den Untersuchungsgegenstand passt. Trotzdem können die meisten nicht davon ablassen, ihre Messlatte an anderen anzuwenden. Nur wenige nehmen davon Abstand. Sie finden sich mit einem Nichtverstehen einer Situation oder Verhaltensweise ab und haben gar nicht das Bedürfnis die Ursache zu ergründen. Aus meiner Sicht kann diese Gabe – etwas oder jemanden so sein zu lassen wie er ist – eine ganz grossartige Eigenschaft sein. Man sieht davon ab, etwas zu interpretieren oder in eigens vorgeformte Muster zu pressen. Man bewertet nicht.

 

«Irgendwann wird der Mensch erkennen, dass es geradezu grotesk ist, zwei Menschen mit ihren einzigartigen Talenten, Ressourcen und Anlagen zu vergleichen. Es wäre so, als würde man zwei Fingerabdrücke gleichmachen wollen.» (David Kiser)

 

Aber die Gesellschaft hat für alles Normen und Massstäbe. So kann man z. B. auch als Eltern nicht frei davon sein und schaut, im Zusammenhang der Logopädie, kritisch auf die kommunikative Teilhabe des eigenen Kindes. Und das können Eltern, wenn man wie im Fachartikel von Zauke & Neumann den FOCUS-G als Messlatte ansetzt, gar nicht mal schlecht. Ebenfalls um die Eltern von sprachentwicklungsauffälligen Kindern geht es im Fachartikel von Zimmermann, der die Erwartungen der Eltern an die Sprachtherapie und die damit verbundene soziale Evidenz thematisiert. Das Messen und Vergleichen gibt uns Sicherheit und so messen und vergleichen wir munter weiter. Verstehen Sie mich nicht falsch – Wissenschaftler (und zu diesen werde ich gezählt) leben genau davon und manchmal auch dafür. Sie definieren einen Untersuchungsgegenstand, stellen an diesen eine konkrete Fragestellung und versuchen diese dann über messen und vergleichen zu beantworten und von einem Zufallsbefund abzugrenzen. Aber manchmal sind wir damit vielleicht auch zu engstirnig und sehen nicht, welche Facetten etwas oder jemand ausserhalb der gesetzten Vorstellung noch zu bieten hat. Aber sobald man sich dessen bewusst wird, kann man den Blick heben und man sieht keine Grenzen.

 

Ich wünsche Ihnen eine interessante und mit den insgesamt vier Fachartikeln dieser Ausgabe auch eine sehr breit gefächerte Lektüre, die an der ein oder anderen Stelle auch einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zulässt.

AKTUELL

SAL-TAGUNG 2019

Kontroversen in der Logopädie

JAHRESBERICHT 2018

Jahresbericht der SAL/SHLR

WEITERBILDUNGSPROGRAMM

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Studium Logopädie

Samstag, 9. November 2019

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